10 ½  GESCHWISTER 

Das ist in unserer Gesellschaft ein sehr vielschichtiges Thema. Aber egal ob wir von „Vater, Mutter, Kind“, „Vater, Vater, Kind“ oder „Mutter, Mutter, Kind“ sprechen, ob ein Elternteil alleinerziehend ist oder ob es sich um ein Patchwork-Modell handelt: Meistens geht es dabei um eines oder um zwei Kinder. Laut dem Statistischen Bundesamt hatte im Jahr 2020 eine Frau 1,53 Kinder. Eine Großfamilie stellt folglich eine extreme Ausnahme zum Durchschnitt dar.

 

Das verhielt sich in der Generation unserer Großeltern und Eltern noch anders: Im Jahr 1961, als mein Vater geboren wurde, hat eine Frau in Deutschland durchschnittlich 2,45 Kinder bekommen. Natürlich gab es damals wie heute in beide Richtungen Ausnahmen und Extrembeispiele, aber es lässt sich dennoch eine Tendenz erkennen.
Frauen bekommen heute das erste Kind statistisch betrachtet in immer höherem Alter, aktuell mit 30 Jahren. Das liegt daran, dass sie oftmals viel Energie und Zeit in ihre Ausbildung investieren.

 

Folglich wollen sie die erreichte Qualifikation auch im Berufsleben nutzen und sich zunächst selbst verwirklichen. Dabei rückt der Kinderwunsch oft in den Hintergrund. Repräsentativen Umfragen zufolge machen sich junge Menschen bei der eigenen Kinderplanung Sorgen um die finanzielle Belastung und darum, dass Kinder die persönliche Entfaltungsfreiheit einschränken. Auch die staatlichen Rahmenbedingungen (z.B. fehlende Betreuungs -plätze) und die generell unsichere Zukunft unseres Planeten (z.B. durch den Klimawandel) halten viele junge Paare vom eigenen Kinderwunsch noch ab.

 

Um beim Beispiel meines Vaters zu bleiben: Er ist das jüngste von zehn Kindern und mit seinen Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen. An der Stelle soll das Rätsel um die zugegebenermaßen provokante Überschrift gelüftet werden: Meine Großeltern hatten tatsächlich „nur“ zehn gemeinsame Kinder. Die älteren Töchter haben damals in einem Kinderheim gearbeitet und dort ein Mädchen kennengelernt, das als Waise aufgewachsen ist. Mit Erreichen des 18. Lebensjahrs musste sie das Heim verlassen – und so wurde sie kurzerhand in der Familie meines Papas aufgenommen. Bis heute sind sie und ihre jetzige Familie ein fester Bestandteil unserer Verwandtschaft. Als Kind habe ich nicht einmal gewusst, dass diese eine Tante genau genommen gar nicht meine Tante ist.  Erst in meiner Jugend habe ich davon erfahren und seitdem nutze ich manchmal die Formulierung, dass es eben 10 ½ Geschwister sind.

Diese Geschichte ist ein Bild dafür, welche Werte damals in der Familie wichtig waren:  Jede und jeder hat so viel für die Gemeinschaft gegeben wie möglich, ohne dass es eine explizite Gegenleistung gebraucht hätte. Die Familienmitglieder haben beispielsweise nicht lange hinterfragt, ob es wohl finanziell und organisatorisch möglich sein wird, wenn noch ein „Kind“ mehr am Tisch sitzt. Die Entscheidung wurde sehr pragmatisch getroffen: Eine junge Frau hat ein Problem und die Familie wird es irgendwie hinbekommen, dass sie einen Platz darin findet. Dafür waren Zusammenhalt, Einsatz und gegenseitiges Verständnis von allen gefordert. Und es hat funktioniert.

 

Von Verantwortung und Träumen
Aus Erzählungen weiß ich, wie sehr sich die größeren Geschwister um die kleineren gekümmert haben. Da die ersten Kinder alle Mädchen waren, haben diese sich zuhause ganz selbstverständlich wie Zusatz-Mamas verhalten. Trotzdem hatten Träume und persönliche Ziele immer einen Platz in der Familie: Meine älteste Tante war sehr erfolgreich im Langlauf-Sport und hat unter anderem an Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Eine der jüngeren Schwestern wollte unbedingt eine Ausbildung zur Floristin machen, wofür sie dann mit 16 Jahren ans andere Ende des Bundeslandes ziehen musste. Meine Oma war wohl ein großartiges Organisationstalent und hat die Familie zusammengehalten. Dazu passt auch die Aussage von ihr, dass die Zeit im Krankenhaus nach jeder Geburt für sie wie Urlaub war: bekocht werden, sich nicht um Haus und Hof kümmern müssen, einfach eine Auszeit vom Alltag haben.

 

Von Möglichkeiten und Vielfalt
Familie hatte in den vorigen Generationen einen anderen Stellenwert, weil sich damals ein noch größerer Teil des Lebens innerhalb dieses Gefüges abgespielt hat. Der persönliche Horizont der meisten Menschen war beschränkter. Für viele war der Lebensweg bereits vorgezeichnet. Mein Papa hat beispielsweise eine Ausbildung zum Metzger gemacht, weil das damals für die Familie auf dem Bauernhof nützlich war, bevor er dann später Zimmermann geworden ist. Heute gibt es viel mehr Optionen und Gestaltungsmöglichkeiten für den eigenen Lebensweg. Kinder haben eine offenere Sicht auf die Welt und auf die unzähligen Angebote, die sich ihnen bieten. Es besteht heute weniger die Erwartungshaltung, dass junge Menschen ihr eigenes Leben im Heimatort verbringen oder einen bestimmten Beruf ergreifen müssen. Viele Hürden entfallen einfach aufgrund unseres heutigen technologischen Standards: Große Distanzen stellen keine unüberwindbare Herausforderung dar, Telefonate und Videokonferenzen sind problemlos weltweit möglich, Sprachbarrieren können viel leichter überbrückt werden. Daher sind Familien heute räumlich betrachtet oft nicht mehr so eng verbunden. Trotzdem liegt die Beziehung zur eigenen Familie bei einer Umfrage aus dem Jahr 2021 über die wichtigsten Werte der Deutschen noch immer auf Platz 2. Im Grunde hat sich also der Wert der Familie lediglich gewandelt, aber er hat nicht an Priorität verloren. Es ist nicht mehr unbedingt notwendig, physisch nah bei der eigenen Familie zu sein, um die gewohnte Verbundenheit aufrechtzuerhalten. Der Zusammenhalt kann heute auch auf Distanz gelebt werden. Man ist buchstäblich „nicht aus der Welt“, wenn man in verschiedenen Städten oder Ländern lebt.

Interessant ist dabei allerdings, dass bei der Umfrage der erste Platz von guten Freunden belegt wird. Dieses Ergebnis zeigt, dass es auch heute eben weitaus mehr Varianten davon gibt, wie Menschen den Wert Familie definieren – und manchmal sind die guten Freunde tatsächlich die Familie, die man sich aussuchen kann. Wie auch das Beispiel der Familie meines Papas zeigt, geht es dabei viel mehr um ein Gefühl von Verbundenheit, als um eine tatsächliche Blutsverwandtschaft.

Eine:r für alle & alle für eine:n

Autoren: Lisa Steurer, Simone Wörner