Keiner flieht ohne Grund

Im Jahr 2019 flohen weltweit 79,5 Millionen Menschen. Somit ist die Zahl der Flüchtenden fast so groß, wie die deutsche Bevölkerung. 40% der Schutzsuchenden sind unter 18 Jahre alt und einige von ihnen sind ohne Begleitung auf der Flucht. Die meisten Flüchtlinge müssen ihr zuhause aufgrund von Verfolgung, Konflikten oder schweren Menschenrechtsverletzungen verlassen. Angekommene Flüchtlinge spüren nicht nur die kilometerlange Entfernung zu ihrem Zuhause und ihrer Familie, die sie in ihrem Heimatland zurücklassen mussten, sondern auch die Distanz zu der hier lebenden Bevölkerung.  Für viele von uns ist es kaum vorstellbar, die gesamte Existenz und Familie in der Heimat zu lassen und in einem anderen Land ein neues Leben aufzubauen

2.785 Kilometer
2.785 Kilometer hat die 28-jährige Soultana hinter sich. Aufgrund des Nahostkonflikts hat Sie im Jahr 2013 ihre Heimatstadt Daraa, Syrien verlassen. Die Mehrheit der dort lebenden Menschen kämpft mit der alltäglichen Angst vor Unterdrückung, Folter, Verschleppung und Tötungen.

Da sie nicht länger Jordanien bleiben konnten, setzten sie ihre Flucht, Richtung Türkei fort, um von dort nach Griechenland zu gelangen. Eine Woche hat es gedauert, bis sie jemanden gefunden haben, der Soultana und ihre Familie nach Griechenland schleuste. An diese Bootsfahrt erinnerte sie sich nicht gerne zurück. „Wir saßen auf einem überfüllten Boot und ich hatte meine damals vier Monate alte Tochter im Arm“ erzählt Soultana und pausiert zunächst. „Ich hatte Angst, aber ich wusste auch, dass ich keine andere Wahl habe.“ Weitere 2 Wochen verbrachten sie mit anderen Flüchtlingen auf einer griechischen Insel, bis Ihnen erlaubt wurde nach Athen weiterzureisen. Von dort aus nahmen sie unterschiedliche Verkehrsmittel wie den Bus, den Zug und waren in Teilen auch gezwungen zu Fuß die Länder Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich zu durchqueren. Ihre Flucht erstreckte sich über mehrere Jahre bis sie 2016 in Deutschland ankamen. Sie erinnert sich noch genau an ihre ersten Momente in Deutschland. „Die Freude, die ich in diesem Moment verspürt habe, kann man nicht in Worte fassen.“ schildert sie.

Die Sprachbarriere und die negative Einstellung der Einheimischen / deutschen Bürger gegenüber Flüchtlingen erschwerte Soultana die Anfangszeit in Deutschland. Dennoch bemühte sie sich, um eine offene Kommunikation mit den deutschen Mitbürgern und baute sich ein gutes Verhältnis zu ihrer Nachbarschaft auf. „Es ist wichtig allen Menschen mit Respekt gegenüber zu treten.“ „Ich bin froh hier zu leben. Ich muss keine Angst mehr davor haben raus zu gehen“, berichtet Soultana heute. Sie wohnt seit 2016 mit ihrer Familie in Ulm. Soultana hat die Deutsche Sprachegelernt und wurde erneut Mutter. Ihr Mann, mit dem sie aus Syrien flüchtete, arbeitet jetzt als KFZ-Mechatroniker.

4.180 Kilometer
4.180 Kilometer trennen Sharif von seiner Heimatstadt Omdurman, Sudan und seinem jetzigen Wohnort Ulm. 2011 brach er sein Studium dort ab und machte sich alleine auf die Flucht. Er hatte eine lange Reise mit vielen Zwischenstopps durch Tschad, Libyen und Tunesien bevor er es letztlich nach Deutschland schaffte. „Ich habe mir bessere Bildung und Lebensbedingungen gewünscht.“, erzählt uns Sharif. Er erinnert sich noch genau an seine Ankunft in Deutschland im Jahr 2013. Damals wurden sie vom Bürgermeister in Hannover empfangen. „Ich war erleichtert, ich hatte nach zwei Jahren endlich mein Ziel erreicht“, sagt der jetzt 32-jährige.  Auch er konnte nach seiner Flucht nach Deutschland nicht mehr in den Sudan einreisen. „Am meisten vermisse ich meine Familie, ich habe sie seit neun Jahren nicht mehr gesehen.“ sagt Sharif und erwähnt, dass er hofft sie bald besuchen zu können.

Da auch den Deutschen Vorurteile zu gesprochen werde, bangte er um eine angemessene Integration in die Gesellschaft, aber er selbst habe nie Ausländerfeindliche Konfrontationen erlebt. Er sagt aber auch, dass er sich besonders viel Mühe gibt sich an die Kultur anzupassen. In seiner Anfangszeit in Stuttgart erlernte er sofort Deutsch. Über den Arbeitsplatz und Bekannten aus der Musikhochschule konnte er viele neue Freunde gewinnen. Um seine Ausbildung zu beginnen, hat er Stuttgart verlassen und ist nach Ulm gezogen. Sharif hat seine Ausbildung zum Medizin-technischen Radiologie Assistenten erfolgreich abgeschlossen und arbeitet derzeit in der Uniklinik Ulm. „Ich wollte bessere Bildung und die habe ich hier bekommen, darüber bin ich glücklich.“ so Sharif.

4.182 Kilometer
4.182 Kilometer hat Yassin hinter sich. Er war 18 Jahre alt als er sich 2013 alleine auf Flucht machte. Wie Sharif floh er auch über die Länder Libyen und Tunesien nach Deutschland. Sein Ankunftsort war auch Hannover, dort verbrachte er zwei Wochen bevor er nach Stuttgart gezogen ist, wo er auch heute noch lebt. Wie auch die anderen beiden Flüchtenden, dauerte seine Odyssee ebenfalls mehrere Jahre. Der Bürgerkrieg und die schlechte wirtschaftliche Lage waren die Gründe für seine Flucht. Ebenso wie Sharif hat er seine Familie seit seiner Flucht nicht mehr gesehen und hofft sie bald besuchen zu können. „Es gibt nichts, das ich mehr vermisse.“ So Yassin. Zu seinen ersten Gefühlen sagt Yassin: „Am Anfang war es komisch, fremde Blicke, fremde Sprache, einfach alles war fremd.“ Doch mit der Zeit gewöhnte er sich an das neue Leben. In seiner Freizeit macht Yassin viel Ausdauersport. Er läuft im Verein Marathon und konnte somit schnell viele Kontakte knüpfen. Allgemein konnte er durch die Schule und durch seine Arbeit viele neue Bekanntschaften schließen. Der jetzt 26-jährige fühlt sich in Stuttgart zuhause. Nachdem Yassin in Stuttgart angekommen war, besuchte er einen Sprachkurs, so war es ihm möglich seinen Hauptschulabschluss nachzuholen und eine Ausbildung zum Maschinen-und Anlagenführer erfolgreich zu absolvieren.  Im nächsten Jahr plant er seine Weiterbildung. Mit den Worten „Ich bin glücklich, über die Möglichkeiten, die ich hier erhalten habe“, beendete Yassin unser Gespräch.

Drei verschiedene und doch so ähnliche Schicksale. Drei von vielen Millionen.