Message in a bottle - die Flaschenpost

Es war einmal…

eine Flasche, die neben vielen weiteren Flaschen im Supermarkt stand. Sie war groß, stolz und schön. In ihr befand sich ein trockener Rotwein. Fast jeder Erwachsene mochte dieses Getränk und deshalb wechselten auch ständig die Flaschen neben ihr. Sie war von der Marke Hiss aus Baden und hieß Zwölfi. Denn irgendwann fingen die Flaschen an sich gegenseitig durchzuzählen und somit war Zwölfi die zwölfte Flasche im Regal gewesen. Diesen Namen trug sie jetzt stolz. Tag ein, Tag aus liefen Menschen durch die Reihen des Supermarkts. Ab und zu griff jemand nach einer dieser Flaschen der Marke Hiss, aber nie wollte jemand Zwölfi haben. Langsam fand sie sich damit ab, dass ihr Zuhause eben einfach dieses Supermarktregal sein solle. An einem Samstagabend, kurz vor Ladenschluss schloss sie schon die Augen. Müde war sie vom gut aussehen an diesem Tag gewesen. Doch auf einmal riss ihr etwas den Boden unter den Füßen weg. Vor Schreck öffnete sie ihre Augen und merkte, dass sich ein junger Mann mit ihr in der Hand schnurstracks auf die Kassen zubewegte, auf der einen Seite überglücklich, da sie endlich mitgenommen wurde und auf der anderen traurig, da sie sich nicht einmal mehr von ihren Nachbarn verabschieden konnte. Aber da lag Zwölfi nun, ganz allein auf dem Kassenband. „Ein witziges Gefühl ist das“, dachte sie sich und rollte munter hin und her. Vorne am Band angekommen, griff die Verkäuferin nach ihr und zog sie über ein für sie fremdes durchsichtiges Fenster mit rotem Laser, dabei ertönte ein Geräusch. „Verrückte Menschen“ dachte sie sich. Daraufhin gab der junge Mann der Verkäuferin etwas, packte die Flasche wieder am Hals und führte sie über den Parkplatz bis hin zu seinem Auto. Die Fahrt durfte Zwölfi dann auf der Rückbank verbringen. Das Auto stoppte nach einiger Zeit in einer Einfahrt und sie war so aufgeregt wie in ihrem Leben noch nicht. An der Tür konnte sie nun auch endlich den Namen des jungen Mannes lesen, sein Name war Micha. Er stellte Zwölfi in ein Regal, neben Bücher und Kunstpflanzen, wo sie es die nächsten Tage sehr genoss. Die beiden hatten eine schöne Zeit zusammen, da Micha immer viel Besuch hatte. Somit konnte Zwölfi spannenden Gesprächen zuhören und wackelte immer leicht zur Musik im Radio. Genauso hatte sie sich das Leben außerhalb des Supermarktes vorgestellt. Sie hoffte, dass es so für immer bleiben würde. Aber so war es nun mal nicht. Micha hatte am nächsten Tag wieder Besuch. Es waren viele Leute da, einige Jungs und einige Mädels. Irgendwann rief eine der Damen „Lass uns doch was spielen! Wie wäre es mit einer Runde Flaschendrehen?“. Keiner hatte etwas dagegen und so musste nur noch der fehlende Gegenstand, die Flasche, her. Da stand Micha vom Sofa auf und lief ohne Umweg auf Zwölfi zu. Er packte sie und fing schon an, an ihrer Verpackung zu pulen. „Oh Mist, die hat nen Korken“, rief er seinen Freunden zu und nahm die Flasche mit in die Küche. Aus der Schublade holte er etwas, das aussah wie ein kleiner Bohrer. Damit zog er dann den Korken aus der Flasche, wobei ein lautes Ploppen entstand. Zwölfi wusste nicht was mit ihr geschah. Noch nie hatte sie solch ein Gefühl. Es war ein undefinierbarer Schmerz und doch irgendwie ein Gefühl der Befreiung. Die ganzen Leute freuten sich, als Micha mit der Flasche zurück ins Wohnzimmer kam. Und so verteilte er den Inhalt in allen Gläsern, bis Zwölfi komplett leer war. Sie legten sie auf den Tisch und nacheinander wurde sie von jedem gedreht. Zwölfi war es nach und nach ganz schwindelig geworden und sie war so froh, als die Menschen sich endlich verabschiedeten. „Hoffentlich werde ich nun wieder zurück ins Regal gestellt“, dachte sie sich, aber Micha hatte noch andere Dinge mit ihr vor. Doch erst einmal ließ er Zwölfi auf dem Wohnzimmertisch stehen. Ein paar Tage später griff er dann doch wieder nach ihr. Dieses Mal hatte er einen kleinen zusammengerollten Zettel in der Hand. Diesen steckte er Zwölfi in den Körper und steckte ihr etwas Korkenähnliches in den Flaschenhals. Für die Flasche ging es nun wieder vom Haus ins Auto und vom Auto wieder nach Draußen. Nach einem kleinen Spaziergang kamen die beiden an einem Fluss an. „Tschüss meine Liebe und bring mir Glück“, sagte Micha, gab der Flasche einen Kuss und schmiss sie ins Wasser. Zwölfi war außer sich. Sie wusste nicht was um sie geschah. „Erst trinkt er mich aus, dann wirbelt er mich herum und jetzt wirft er mich auch noch ins kalte Wasser? Nie hätte ich gedacht, dass die Menschen so etwas mit uns Flaschen tun!“. Ihr war kalt. Dieses feuchte Gefühl war etwas Neues für sie. Lieber wäre sie wieder zurück im schönen warmen Haus von ihrem Käufer. Doch jetzt trieb sie vor sich hin – Tag ein Tag aus, an Blättern, Stöcken und Tieren vorbei, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Schwung. Wochen vergingen. Für Zwölfi fühlten es sich an wie Jahre, denn sie hatte schon jegliches Zeitgefühl verloren und sich damit abgefunden, dass dies ihr Ende sein würde. „Naja, wenigstens wurde ich nicht in ein großes dunkles Loch geworfen, wo ich auf andere, in kleine Teile zerbrochene, Geschwister von mir getroffen wäre“, dachte sie sich noch und blieb irgendwann in einem kleinen Gebüsch stecken. Dort schlief sie nun. Doch allzu lange schlafen konnte Zwölfi dann doch nicht. „Mama, Mama schau mal dort! Da ist eine Flasche mit einem Brief drin“, rief ein kleines Mädchen ganz aufgeregt und stürmte zum Flussufer. „Nicht so schnell Lotte, pass auf, dass du nicht hinfällst“, antwortete die Mutter darauf. Und tatsächlich, einige Sekunden später wurde Zwölfi aus dem Wasser gerissen und freudig an die Mutter weitergereicht. Ihr Name war Ellen und sie war eine unglaublich schöne Frau. „Oh Mama, lies es mir bitte vor“, bat die kleine Lotte. Und so holte die Mutter die Nachricht aus der Flasche und las die Botschaft dem Mädchen vor. Die Nachricht war nicht besonders lange, auch nicht besonders ausgefallen. Und trotzdem waren die beiden hellauf begeistert. Sie nahmen die Botschaft und Zwölfi mit sich nach Hause. Dort konnte Lotte ihre Mutter Ellen überzeugen, an die in der Botschaft stehende E-Mailadresse zu schreiben.

Ein Jahr später stand Zwölfi wieder zwischen Büchern und Kunstpflanzen im Regal des jungen Mannes, bei dem die ganze aufregende Geschichte begann. Micha wohnt dort nun nicht mehr allein, sondern mit Ellen und ihrer Tochter Lotte. Das Herzstück der Wohnung ist Zwölfi und die kleine Nachricht, die in ihr steckt. Denn durch sie hat alles begonnen …