Seit vielen Jahrhunderten zieht der Jakobsweg Jahr für Jahr Tausende Pilger Richtung Santiago de Compostela in Spanien. Der Ort gilt als heilig, da hier angeblich das Grab des Apostels Jakobus zu finden ist.

Geschichte des Jakobsweges
Erstmals erwähnt wurde der Jakobsweg im achten Jahrhundert, zu dieser Zeit verbreiteten sich die Geschichten von Jakobus. Dieser missionierte in Nordspanien und soll dort seine letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Menschen begannen das Grab Jakobs zu besuchen und pilgerten von überall in Europa zu jenem besonderen Ort. Seit jeher ist der Jakobsweg einer der beliebtesten Pilgerrouten der Welt. Jahr für Jahr gehen Tausende von Menschen aus unterschiedlichsten Gründen den Camino. Damals rein religiös motiviert, geht es heute oft darum, den Alltag zu vergessen, sich selbst zu finden oder um Trauer zu überwinden.

Camino – Spanisches Wort für Weg, von den meisten Pilgern synonym für den Jakobsweg verwendet

Ein Erfahrungsbericht
Unter den vielen, vielen Menschen, die es Jahr für Jahr auf den Camino zieht, war auch Florian. Er ist im Frühjahr 2019 in Sevilla seine große Reise nach Santiago de Compostela angetreten.

Warum hast du dich dazu entschieden den Jakobsweg zu laufen, warst du auf der Suche nach dir selbst?
Etwas Selbstfindung war auf jeden Fall mit dabei. Ich wollte den Jakobsweg schon immer einmal gehen und mich dieser Herausforderung stellen. Davor war ich bereits ein paar Mal alleine im Ausland, aber das hat mir nicht gereicht. Als ich dann im Frühjahr 2019 ein paar Monate frei hatte, habe ich dies als meine Chance gesehen, endlich meinen Traum zu verwirklichen.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?
Das Ganze war relativ spontan. Ich habe erst zwei Monate vorher mit der Planung begonnen.  Gute Ausrüstung ist das A und O. Das kann dann auch etwas mehr kosten, gerade Schuhe sind superwichtig. Im Nachhinein kann ich auch noch empfehlen, Babypuder und Oropax mitzunehmen und ein bisschen Spanisch zu lernen.

Für welche Route hast du dich entschieden?
Die Route heißt Via de la Plata und ist mit über 1000 Kilometern eine der längsten Routen. Ich bin in Sevilla gestartet, eigentlich beginnt der Weg aber ca. 300 Kilometer südlicher direkt an der Küste.  Der Weg ist relativ ruhig, ich habe tagelang vielleicht nur 2-3 Menschen gesehen.

Wie waren die ersten Tage auf dem Jakobsweg?
Es war gerade am Anfang vor allem körperlich fordernd. Als ich los ging hatte ich etwa 11 Kilogramm Gepäck, plus Wasser also manchmal dann fast 15 Kilogramm auf dem Rücken, das war viel zu viel. Ich habe dann erstmal ein großes Paket nach Hause geschickt. Auch die Einsamkeit und die damit verbundene Verantwortung für sich selbst, waren am Anfang herausfordernd. Wenn man sich Beispielsweise verletzt oder etwas passiert, kann man auch mitten im Nirgendwo sein, ohne Hilfe weit und breit.

Wie viel Kilometer bist du am Tag gelaufen?
Insgesamt bin ich 43 Tage unterwegs gewesen. Die tägliche Kilometerzahl hat sehr variiert, es gab Tage da habe ich nur fünf Kilometer geschafft, das war aber aufgrund einer Verletzung, an einem anderen Tag bin ich 47 Kilometer gelaufen. Im Schnitt würde ich sagen, dass circa 25 Kilometer pro Tag gut machbar sind.

Hast du immer in Jugendherbergen übernachtet, im eigenen Zelt oder im Hotel?
Ich hatte eigentlich vor zu Zelten, habe mir auch alles Notwendige dafür gekauft. Als ich dann nach drei Tagen zum ersten Mal Zelten wollte, war es die Hölle. Es war extrem kalt und feucht. Ende April sind die Nächte in Spanien sehr kalt. Ich habe mich dann dafür entschieden das Zelten aufzugeben und habe mein Equipment in der nächsten Herberge verschenkt. Die Herbergen sind meist private Einrichtungen von Einheimischen oder Klöster, die sich mit Spenden der Wanderer finanzieren. In guten Herbergen bekommt man neben einem bequemen Bett auch noch ein leckeres Abendessen dazu. Geschlafen wird meistens in Schlafsälen. Der größte Schlafsaal, in dem ich war, war in einer Herberge mit rund 90 Betten in einem Raum, das war schon heftig. Das Tolle an den Herbergen ist auch, dass man viele Leute kennenlernt. An einem Abend saß ich mit 30 verschiedenen Nationen am Tisch beim Abendessen.

Wie sah ein klassischer Tag auf dem Jakobsweg für dich aus?
Ich bin meistens um sechs Uhr aufgestanden, war am Vortag bereits einkaufen, damit ich was zum Frühstücken habe und um sieben bin ich meistens los. Meistens bin ich um sechs Uhr aufgestanden und habe mich auf den Tag vorbereitet. Gegen sieben Uhr bin ich dann losgelaufen. Ich hatte nie einen konkreten Zeitplan, sondern habe dann Pause gemacht, wenn die Landschaft besonders schön war oder die Hitze unerträglich wurde. Am Ende eines jeden Tages habe ich mich dann erst einmal in der Herberge ausgeruht und habe dann den Ort erkundet.

Hattest du körperliche Beschwerden aufgrund des Laufens?
Viele, viele Blasen! Sobald du eine hast, gehst du nicht mehr richtig und dann werden es immer mehr. Zu Höchstzeiten hatte ich dann neun Stück an einem Fuß. Ich konnte dann irgendwann auch meine Wanderschuhe nicht mehr tragen, weil es so weh getan hat. Abhilfe schaffen, solange die Blasen noch klein sind, Blasenpflaster. Sobald sie größer sind hilft Babypuder, das habe ich mir immer in die Socken gegeben dann ist die Reibung nicht so stark. Man muss wirklich gut auf sich achtgeben und sich selbst gerade am Anfang nicht überschätzen. Ich habe es an einem Tag total übertrieben und dann war meine Achillessehnen entzündet, die folgenden Tage konnte ich nur kurze Etappen laufen und das Ganze war echt schmerzhaft.

Bist du die komplette Strecke gelaufen oder auch Mal mit dem Bus gefahren?

Ich bin immer gelaufen, es gibt aber die Möglichkeit seinen Rucksack abzugeben. Der wird dann zu nächsten Herberge gefahren. Gerade auf dem Camino de Frances ist die Infrastruktur richtig gut, da gibt es dann einen extra Rucksack-Service.

Was war deine schönste Erfahrung auf der Strecke?
Die schönsten Tage, waren eigentlich die, an denen ich durch wunderschöne Landschaften gelaufen bin. An einen Tag erinnere ich mich aber besonders gut. Es war Mitten im Frühling und alles um mich herum hat geblüht, einfach traumhaft. Ich lief durch einen Naturpark sah viele Tiere und konnte von einem Aussichtspunkt die tolle Lanfschaft genießen.

Was war deine schlimmste Erfahrung auf der Strecke?
An einem Abend saß ich noch etwas mit anderen Pilgern zusammen und habe ein Glas Wein mehr als nötig getrunken. Am nächsten Tag ging es mir dann dementsprechend schlecht, ich bin aber trotzdem einfach los. Nach ein paar Kilometern bemerkte ich dann, dass ich meinen Wasserbeutel nicht aufgefüllt hatte. Zu allem Unglück habe ich mich auch noch verlaufen, eine absolute Katastrophe. Ich habe mich von Stunde zu Stunde immer schlechter gefühlt. Zum Glück kam ich dann irgendwann in einem kleinen Dorf an, zu diesem Zeitpunkt war ich schon völlig dehydriert. Leider gab es da keinen Laden oder Brunnen, mir ging es aber so schlecht, dass ich einfach an die Türen klopfte und nach Wasser fragte. Die Einheimischen waren sehr nett und haben sich noch für das chlorhaltige Wasser entschuldigt – ganz ehrlich, das war das beste Wasser, das ich je getrunken hab. Als ich an diesem Tag in der Herberge ankam, bin ich insgesamt 47 Kilometer gelaufen. Das war alles in allem eine richtige Grenzerfahrung.

Hat dich die Fernwanderung verändert?
Ich habe vor allem gelernt, dass ich meine Ziele immer erreichen kann, egal wie hart der Weg ist, der vor mir liegt. Denn auf dem Jakobsweg musste ich immer weiterlaufen, egal wie schlecht es mir ging.

Wie war das Gefühl in Santiago anzukommen?
Es war eigentlich ein bisschen traurig. Ich war an das Laufen gewöhnt und hätte ruhig noch ein paar Tage länger gekonnt. Aber auf der anderen Seite war es auch ein großartiges Gefühl endlich am Ziel angekommen zu sein. Der Jakobsweg endet auf einem großen Platz vor der Kirche. Da habe ich mich dann für ein paar Stunden hingesetzt und über die vergangenen 42 Tage nachgedacht.

Würdest du nochmal eine Fernwanderung machen?
Auf jeden Fall. Aber es ist auch eine kostspielige Sache, insgesamt habe ich 2.000 Euro ausgegeben. Pro Tag kann man mit etwa 25 Euro rechnen.

Was würdest du Menschen empfehlen, die vorhaben den Jakobsweg zu laufen?
Das Wichtigste ist auf jeden Fall Zeit. Wer den Jakobsweg laufen will, sollte sich diese nehmen. Wenn es nicht anders geht, sollte man lieber eine kürzere Strecke wählen oder etappenweise laufen, damit man die Schönheit und alles andere auch genießen kann. Es ist einfach wichtig, dass man sich nicht hetzen muss und flexibel bleiben kann. Wenn es einem an einem Ort besonders gut gefällt, auch die Möglichkeit besteht, mal einen Tag länger zu bleiben. Ich würde ungefähr sechs Wochen Zeit empfehlen, so hat man keinen Stress.