Viele kennen sie nur aus Videos, sehen die Brillen vereinzelt in Kaufhäusern hängen und haben sie doch noch nie ausprobiert. Dabei bietet die Nutzung von Virtual Reality (VR) besonders in Unternehmen entscheidende Vorteile. Wo Menschen an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft stoßen schafft die VR-Technologie Abhilfe. Komplexe Themen und Projekte können bereits vor ihrer Fertigstellung erlebbar und verständlich gemacht werden.

Immer mehr Unternehmen nutzen VR, um Prototypen zu präsentieren, Begehungen von noch nicht errichteten Gebäuden zu simulieren oder um Meetings bzw. Schulungen abzuhalten. Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Technologie stetig weiter und erweist sich in immer mehr Unternehmen als effiziente Herangehensweise. Virtual Reality wandelt sich immer mehr von einem Nischentrend hin zu einem Tool, das besonders großen Konzernen einen nachhaltigen Mehrwert liefert. Die Möglichkeiten der VR scheinen endlos: Neben interaktiven Avataren ist jegliche Projektion von Gegenständen und Räumlichkeiten in 3D möglich.

Audiovisuelle Inhalte, also sowohl sichtbare als auch hörbare Elemente jeglicher Art, lassen sich mithilfe von VR-Brillen realistisch darstellen. Durch Bewegungssensoren und Kameras, die jede Bewegung analysieren, finden sich Nutzer in einer interaktiven, virtuellen Welt wieder. Natürlich befindet man sich physisch nicht in der Welt, die einem vor Augen geführt wird, aber dennoch lassen sich so Distanzen augenscheinlich überbrücken: Besonders hilfreich ist die Virtual Reality bei Projekten, die noch nicht fertig gestellt sind. Beispielsweise Prototypen neuer Automodelle, können durch die virtuelle Darstellung beteiligten Mitarbeitern dabei helfen ein Verständnis für den Prozess zu entwickeln. Zudem lässt sich durch die wahrgenommene Nähe zum fertigen Projekt unter Umständen auch die Akzeptanz gegenüber diesem steigern. Auch besonders in Zeiten, in denen Menschen dazu aufgefordert sind, Abstand zu wahren, bietet die virtuelle Realität ein geeignetes Mittel, um anderen durch jene audiovisuelle Inhalte, ein Gefühl von Nähe zum Projekt aber auch zu anderen Menschen und Kollegen zu geben.

Durch Interviews mit Claudia Kiani, Co-Founderin der VR-Agentur Omnia360 und Jan Fiedler, Technikspezialist der HNU, bekamen wir Einblicke in eine Welt, die die Grenzen des Vorstellbaren verschiebt.

Chancen
Neben veranschaulichten komplexen Projekten bietet die virtuelle Realität, laut Kiani, zudem einen hohen Entertainment-Faktor. Dementsprechend nutzt sie die Brille auch für die Zusammenarbeit mit Kollegen und Kunden. Durch Immersion (das Eintauchen in die virtuelle Welt) können Störfaktoren eliminiert werden, weshalb Teilnehmer in der VR vollkommen präsent sind. Motiviert durch die Interaktionsmöglichkeit erzielen VR-Sessions schnell Resultate und erhöhen offensiv die Beteiligung der Teilnehmer. Neben der Akzeptanz und dem Verständnis seitens der Mitarbeiter werden zudem Investoren durch VR-Präsentationen mobilisiert.

Besonders in der Industrie-Branche sieht Kiani weitere Vorteile: Durch virtuelle Schulungen, beispielsweise im Gesundheitswesen, sowie das Prototype-Modeling in 3D können durch entfallende Vorbereitungszeit Kosten eingespart werden. In relativ kurzer Zeit lassen sich beispielsweise geplante Produkte in vorläufigen Versionen darstellen ohne hohen Budget- und Materialaufwand. Darum eignet sich die virtuelle Realität besonders für Branchen mit erklärungsintensiven Prozessen.

Hindernisse
Auch wenn VR bereits verlockend viele Chancen bietet, kommen hin und wieder doch noch Probleme auf. Kiani spricht hier zuerst von Motion-Sickness, also dem Schwindel- oder Übelkeitsgefühl, das User empfinden, wenn sie eine VR-Brille zu lange tragen. Nach ca. 30 Minuten kann das menschliche Hirn die Eindrücke nicht länger verarbeiten, weshalb Nutzer derzeit noch häufig über Unwohlsein klagen.

Den Lösungsansatz hat uns Kiani auch schon verraten: „Durch das Verringern von Latenz lässt sich das Ganze beheben, sprich, wenn das Bild ohne Verzögerung mitzieht, wenn man den Kopf dreht und Bilder nicht neu laden müssen“. Sie spricht außerdem von einem noch sehr hohen Aufklärungsbedarf, da oftmals noch Berührungsängste und Vorurteile gegenüber VR vorhanden sind, besonders im Hinblick auf die Darstellung von Personen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter für Virtual- und Augmented Reality der Hochschule Neu-Ulm, Jan Fiedler, bezeichnet die Abbildung von Menschen als die „Königsklasse“ der VR. Aktuell erinnert die Darstellung von Menschen in der VR an animierte Zeichnungen.

Das derzeit noch größte Hindernis, das Unternehmen daran hindert VR zu nutzen, dürfte aber die dafür benötigte Software sein. Während die Anschaffung einer VR-Brille vergleichsweise kostengünstig ist, bleibt die Implementierung einer benutzerdefinierten Software mit einem enormen Aufwand verbunden – sowohl zeitlich als auch finanziell.

Aussichten
Nachdem wir über Chancen und Risiken gesprochen haben, wollten wir von Claudia Kiani natürlich noch eine Zukunftsaussicht im Hinblick auf VR in Unternehmen. Durch die COVID-19-Pandemie wachsen der Bedarf und das Interesse an VR ungemein, wodurch die Forschung und Innovation der Brillen vorangetrieben wird. Zudem werden die Brillen zunehmend autark, was bedeutet, dass die Brille ohne Anschluss an einen Computer genutzt werden kann, was die Nutzung der Brille maßgeblich einfacher und unkomplizierter gestaltet.

Zwar ist das Implementieren der Virtual Reality eine Investition, jedoch überwiegt besonders in großen Unternehmen der gebotene Mehrwert durch die Nutzung der virtuellen Realität. Durch virtuelle Realität lassen sich auch komplexe Sachverhalte erlebbar darstellen und die Akzeptanz steigern. Besonders, wenn Proportionen und audiovisuelle Inhalte eine Rolle spielen, ist der Einsatz von VR effizienzsteigernd. Trotz bestehender Probleme wird die technische Beschaffenheit mit jeder Generation an VR-Brillen verbessert und erreicht immer mehr Nutzer. Auch Probleme wie Motion-Sickness werden behoben werden und die Nutzung maßgeblich erleichtern. Einer weitreichenderen Verbreitung und Zugänglichkeit der VR-Technik steht somit zunehmend weniger im Weg. Dementsprechend prognostizieren unsere Ansprechpartner, dass besonders die Grenzen des Vorstellbaren weiter verschwimmen werden.