Wir sitzen in einem kleinen Restaurant, es ist schon dunkel, die Kerze auf dem Tisch erhellt unsere Gesichter mit einem warmen Lichtschimmer. Ich nehme die Hand meines Gegenübers, freue mich über die gemütliche Zweisamkeit, die trotz der anderen Gäste zwischen uns entsteht.

PING! Unangenehm, fast blendend, leuchtet der Bildschirm meines Smartphones, das neben unseren verschlungenen Händen liegt, auf. Ich entziehe meine Hand, greife zum Gerät und schon sind wir nicht mehr zu zweit allein. Da ist Peter, der ein witziges Video mit mir teilt, Marianna, die gerade meinen neuesten Instagram-Post geliked hat und Loreley, die mir schreibt, dass sie mich unbedingt anrufen muss. Meine Aufmerksamkeit gilt dem Bildschirm, nicht den Augen meines Gegenübers. Meine Gedanken schweifen ab zu den Posts und Nachrichten anstatt zu dem Gespräch mit meinem Gegenüber.

RINGRING! Ich drücke den Anruf von Loreley weg, versende einen Lachsmiley an Peter und lege mein Handy mit einem entschuldigenden Lächeln wieder auf den Tisch. Ich will die Hand meines Gegenübers greifen, aber sie liegt nicht mehr dort. Unsere Gesichter schimmern wieder in warmem Kerzenschein, doch die Wärme zwischen uns ist nicht mehr spürbar. „Ich muss los, mach´s gut …“, sagt er, steht auf und geht. Das Handy mit Peter, Marianna und Loreley liegt neben mir, doch ich fühle mich so einsam wie nie zuvor.

 

#InspirierendesZitat
In Deutschland leben 83 Millionen Menschen, 38 Millionen davon sind aktive Social Media Nutzer*innen. Fast jede*r Zweite ist täglich online, der Durchschnitt verbringt über 2 Stunden pro Tag auf Social Media. Hochgerechnet sind das im Leben ungefähr 5 Jahre und 4 Monate.

5 Jahre und 4 Monate (gelebte) Lebenszeit
Social Media ist Informations- und Inspirationsquelle. Für jedes Hobby gibt es eine Community, auf jede Frage eine Antwort. Wir sind Gemeinschaftstiere. Auf Facebook, Instagram, YouTube und Co. spielt räumliche Distanz keine Rolle mehr. Kommunikation ist mit jedem möglich, auch wenn der Onkel auf der anderen Seite der Welt wohnt. Mit einem Klick ist man nicht mehr allein, kann Nachrichten in Sekundenschnelle hin und her schreiben, stundenlang mit Video telefonieren oder zahlreiche Bilder aus dem Leben anderer entdecken.

HYPER, HYPER – singt Scooter. Do you like it hardcore? We need the hardcore.
Ein Like steht für Aufmerksamkeit, mehrere Likes geben uns das Gefühl, gesehen zu werden. Wertschätzung in Form von Likes oder Kommentaren stärkt unser Selbstwertgefühl, wie Licht Pflanzen in die Höhe schießen lässt. Nur blühen wir nicht bunter, wenn wir abends ohne Filter am Esstisch oder auf dem Sofa sitzen. 62% der Erwachsenen bestätigen, dass sie sich besser fühlen, wenn sie positive Reaktionen auf ihre online geteilten Inhalte bekommen.

Biologisch betrachtet, wird die Dopamin-Freisetzung in unserem Gehirn erhöht, wenn wir soziale Medien nutzen. Das so genannte Glückshormon wird besonders stark produziert, wenn Social-Media-Nutzende ihre eigenen Gedanken darlegen. Selfies, „spontane“ Schnappschüsse, der Weg ins Gym, das gerade frisch zubereitete Super-Food-Breakfast. Dass so Glück versprüht wird, ist soweit nicht verwunderlich. Bedenklich wird es, wenn man weiß, dass sich bei einem Gespräch zwischen zwei Menschen in der realen Welt „nur“ 30 bis 40 % der Inhalte um die eigenen Ansichten drehen. In der Social-Media-Kommunikation sind dagegen 80 % der Inhalte rein selbstbezogen. Fast doppelt so viel ausgeschüttetes Dopamin im Vergleich zu einem realen Gespräch – kein Wunder sind wir so geil darauf, alles aus unserem Leben online zu teilen.

„Aber ich könnte doch etwas verpassen …!“
Mit der Möglichkeit, jeden Schritt aus dem eigenen und dem Leben anderer zu verfolgen, kommt die Angst auf, etwas zu verpassen. „Gibt es nicht etwas Besseres, Passenderes, Tolleres da draußen, das man noch nicht gesehen, erlebt hat?“ Social Media kann das Selbstbewusstsein stärken, gibt gleichzeitig aber (auch) vielen das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Auf Social Media stellen die meisten Menschen ihr Leben besser dar, als es in der Realität ist, richtig inszeniert wird auch der Tellerwäscher zum Millionär – ganz ohne 7-stelligen Kontostand. Social Media bringt uns dazu, unser Leben mit dem anderer zu vergleichen. Dadurch vergessen viele, das eigene Leben wertzuschätzen. Diese Distanzierung zum eigenen Leben kann auch zu einer Distanz zum eigenen Körper werden. Hier sprechen wir nicht mehr von hohen Bildschirmzeiten.

Die Dismorphophobie ist eine ernstzunehmende psychische Störung. Betroffene Menschen fühlen sich hässlich oder entstellt, obwohl sie keinerlei Schönheitsmakel haben. Gerade in den (sozialen) Medien scheint gutes Aussehen als Eintrittskarte zu Erfolg. Die Folge: Es entsteht der Eindruck, dass Schönheit allein glücklich macht. Circa 2,4 Prozent der Bevölkerung leidet an Dismorphophobie, eine Wahrnehmungsstörung, die oft schon im Jugendalter beginnt. Ein bewusster und vor allem distanzierter Umgang mit den dargestellten Schönheitsidealen in (sozialen) Medien gewinnt hier an Bedeutung. Diese Ideale orientieren sich bekanntlich nicht am Durchschnitts-BMI.

Wir sind alle süchtig
Das Handy vibriert in der Hosentasche, man nimmt es in die Hand, der Bildschirm leuchtet auf, aber darauf ist keine neue Nachricht zu sehen. „Aber es hat doch vibriert!?“ Wissenschaftler*innen der Universität des Michigan Instituts nennen dieses Phänomen das Phantom-Vibrations-Syndrom. Laut deren Studie handelt es sich hierbei um ein Zeichen einer Sucht, welches 89% der Befragten 1x alle zwei Wochen verspürten. Professor Dr. Larry Rosen erklärt, dass Phantom-Vibrationen zwanghaftes Verhalten widerspiegeln können. Handys schaffen die Möglichkeit, ständig in Kontakt mit anderen Personen zu sein, ständig zu wissen, was diese Personen gerade machen. Dadurch schaut man durchschnittlich 120x pro Tag aufs Handy. Unser Gehirn kreiert aufgrund dieser 24/7-Erreichbarkeit Phantom-Vibrationen, weil man sowieso jederzeit eine Nachricht oder einen Anruf erwartet. Handys haben nicht nur unsere Kommunikation verändert. Sie manipulieren auch das Verhalten unseres Gehirns.

Distanzierte Nähe – das Maß bestimmt die Auswirkung
Ein Leben ohne digitale Vernetzung ist nicht mehr vorstellbar. Ohne WhatsApp, Instagram, Facebook & Co. fühlen wir uns abgeschottet, allein gelassen, ausgeschlossen. Das Streben nach Gemeinschaft ist keine Herausforderung – viel mehr als einen Klick oder ein Bild braucht es nicht. Wenn allerdings die Scheinwelt zur Realität wird und keine Sekunde ohne das Smartphone vergeht, ist Social Media nicht mehr inspirierend und vereinend. Wo Erwartungen hoch sind, ist die Enttäuschung umso größer, wenn Erfüllung ausbleibt. Soziale Medien sind per sé keine sozialen Kontakte. Social Media schafft Zusammenhalt und Austausch, schafft Nähe trotz Entfernung. Soziale Medien leben davon, dass wir einen Großteil unserer (freien) Zeit dort verbringen. Und wie mit allem im Leben, mit dem man viel Zeit verbringt, braucht es im Kontrast dazu Pausen. Social Media Detox ist die Antwort auf die Frage nach verringertem Suchtpotenzial. Bewusstsein über die Bedeutung von „time well spent“ und „digital well-being“ schaffen, über die Divergenz zwischen analoger und digitaler Welt. Auf Distanz betrachtet, wird einem meistens einiges klarer. Auf Distanz lernt man oft die wichtigen Dinge mehr zu schätzen. Am Ende des Tages bestimmen wir selbst, wie viel Zeit wir am Bildschirm verbringen.