„Guten Tag, wir möchten Ihnen hiermit mitteilen, dass wir Ihre Bestellung versandt haben. Ihre Sendung befindet sich nun auf dem Versandweg“, liest Jan und schließt die Mail. Er kann es kaum erwarten seine Bestellung in den Händen zu halten. Über eine Woche wartet er nun schon darauf. „Was braucht denn da nur so lange?“, fragt er sich.

Es klingelt an der Tür, vor ihm steht Annika, eine Kommilitonin. „Du bist zu spät. Wir wollten doch pünktlich um 10 Uhr anfangen“, begrüßt Jan Annika. „Hallo Jan. Ich weiß, entschuldige. Auf meiner Strecke war eine Umleitung und mit den extra Kilometern habe ich nicht gerechnet als ich vorhin los bin.“ „In Ordnung. Vielleicht muss meine Bestellung auch Umwege fahren. Sie ist immer noch nicht angekommen“, sagt Jan. „Was denkst du denn, wie schnell so eine Lieferung erfolgt? Welche Strecke so ein kleines Päckchen zurücklegen muss? Du hättest es auch einfach hier in der Stadt kaufen können, das wäre sicherlich schneller gewesen“, meint Annika. Ohne noch etwas zu sagen, geht Jan zu seinem Schreibtisch und die beiden beginnen mit ihrer Projektarbeit.

Nachdem sich Annika am Nachmittag verabschiedet hat, schaut Jan noch einmal in den Briefkasten. Tatsächlich, seine Bestellung ist endlich angekommen. Das Päckchen kommt aus Leipzig. „Eigentlich gar nicht so weit entfernt“, überlegt er. Er setzt sich auf sein Sofa, packt das bestellte Buch aus und beginnt die ersten Zeilen zu lesen. Jedoch bleiben diese nicht wirklich hängen. Ihn lässt die Frage nicht los, was für eine Distanz dieses Buch nun wirklich zurückgelegt hat. Er zückt sein Smartphone und sucht nach der Entfernung zwischen Ulm und Leipzig. Rund 460 Kilometer. Im Einband des Buches liest er, dass dieses in einer Druckerei in Leck, Schleswig-Holstein hergestellt wurde. Von dort bis nach Leipzig sind es nochmals 580 Kilometer. „Wow“, denkt sich Jan.

Erstaunt betrachtet er sein iPhone. „Was mein Handy wohl für einen Weg hinter sich hat?“ Er hatte es sich damals bei einem Elektronikladen in seiner Stadt gekauft. Es wird aber nicht nur diese wenigen Kilometer zurückgelegt haben, es muss auch dort hingekommen sein. Nach einer kurzen Recherche findet Jan heraus, dass sein iPhone in den USA, im Silicon Valley in Kalifornien entworfen wurde. Bestandteile für das Innere des Smartphones wie beispielsweise Eisen, Kupfer, Nickel, Gold und Tantal stammen aus dem Kongo. Diese Rohstoffe werden dann von Afrika nach China geliefert. Dort lässt Apple seine Geräte zusammenbauen, bevor sie, in Jans Fall, nach Deutschland geliefert werden. Das sind über 20.000 Kilometer: von den einzelnen Rohstoffen zur Fabrik und schließlich bis zum Verkaufsstandort.

Auf diese erschreckenden Erkenntnisse macht sich Jan erst einmal einen Kaffee. Die Projektarbeit als auch seine kleine Recherche waren ziemlich ermüdend. Während Jan wartet bis der Kaffee durchläuft, fragt er sich, was eigentlich Kaffee für eine Distanz zurücklegt. Er dreht die Kaffeepackung um und liest, dass die enthaltenen „Arabica Bohnen“ aus Kenia stammen. Die Bohnen werden mit dem Schiff nach Europa geliefert und landen im Hamburger Hafen, von wo sie mit dem LKW weiter in die Supermärkte transportiert werden. Mit dem Schiff von Mambosa, Kenia, nach Hamburg sind es ungefähr 3.700 Seemeilen, das sind circa 7.000 Kilometer. Von Hamburg nach Ulm sind es weitere 700 Kilometer. In Summe fast 8.000 Kilometer, die hier zurückgelegt werden, damit Jan weiterhin genügend Energie hat.

Mit der vollen Kaffeetasse setzt sich Jan auf sein Bett. Während er ihn trinkt, kann er es nicht lassen, weiter nachzudenken. Annika ist heute einige Kilometer zu ihm gefahren, damit sie gemeinsam arbeiten können. Sowohl die Bestandteile seines Smartphones als auch sein Kaffee haben mehr Distanz zurückgelegt, als er sich nur vorstellen kann. „Kommt denn alles, was ich besitze von so weit her?“ Sein Bett und die Kommode sind von IKEA. „Das kommt doch sicherlich alles aus Schweden“. Erneut greift er nach seinem Smartphone, um zu recherchieren. Die Möbelstücke von IKEA werden in Älmhult in Schweden entworfen. Das Holz für die Möbelstücke stammt aus Europa oder vereinzelt aus Asien. Weitere Bestandteile wie Schrauben kommen aus Ostasien oder Europa. Verarbeitet werden die Möbelstücke an mehreren Produktionsstandorten in Deutschland als auch in Osteuropa. Bis die Möbelstücke bei ihm ankommen, können sie also schon mal bis zu 9.000 Kilometer zurückgelegt haben.

Es ist 19 Uhr und Jan beginnt sein Abendessen vorzubereiten. Er greift nach der Nudelpackung und dem frischen Gemüse, welches er am Vortag auf dem Wochenmarkt gekauft hatte. Nudeln bestehen hauptsächlich aus Hartweizengries, wobei China, Indien und die USA die Haupterzeugerländer sind. Jans Nudeln werden in Italien hergestellt. Somit haben die fertigen Nudeln eine Strecke von bis zu 9.000 Kilometern zurückgelegt. Sein Gemüse für die Soße hat er auf dem Wochenmarkt von regionalen Bauern gekauft, die aus einem Umkreis von 40 Kilometern stammen.

Er lässt sich all seine Gedanken und die herausgefundenen Informationen noch einmal durch den Kopf gehen. Viele Gegenstände legen weite Strecken zurück. Er findet es ziemlich erschreckend, dass das Gemüse vom Wochenmarkt das Einzige ist, das nicht erst um die halbe Welt transportiert werden musste. „Es lässt sich aber auch nicht wirklich vermeiden. Ist es denn möglich, nur Gegenstände zu besitzen, die kürzere Distanzwege zurücklegen?“ Jetzt freut es Jan umso mehr, dass er sich gestern entschieden hatte, regionales Gemüse zu kaufen.

Die meisten Gegenstände bestehen aus mehreren Materialien, wie beispielsweise Holz, Metall, Kunststoff und Glas. Bestimmte Erze gibt es auch nur vereinzelt auf der Erde zu finden, daher ist der Weg eines Smartphones länger als von Kartoffeln, die der Bauer im Nachbarort anbaut und vertreibt. Nichtsdestotrotz ist es die Entscheidung eines jeden selbst, zu versuchen, regional-verfügbare Gegenstände auch vor Ort zu kaufen.

Das Kaufverhalten hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Dank attraktiver Online-Angebote und kurzfristigem Versand ist das Einkaufen im Internet längst zur Normalität geworden. So einfach und bequem das Shoppen direkt von der Couch aus auch sein mag, lassen sich auch genauso gute Angebote für Elektronik, Klamotten und vielem mehr vor Ort in den Geschäften finden. So lassen sich unnötig lange Transportwege vermeiden und man unterstützt nicht nur den Einzelhandel, sondern schont durch den geringen Ausstoß von CO2 gleichzeitig auch die Umwelt. Dennoch sollte man sich immer erst überlegen, ob man die gewünschten Gegenstände auch wirklich benötigt. Denn manchmal braucht es weniger, um mehr zu sehen.