Die thigh gap ist ein gefährliches Schönheitsideal, was vor allem von jungen Mädchen und Frauen angestrebt wird. Definiert die Distanz zwischen den Oberschenkeln wirkliche Schönheit?
Triggerwarnung: in diesem Text werden Wahrnehmungsstörungen sowie gestörtes Essverhalten thematisiert. Solltest du Probleme damit haben, wende dich bitte an eine Person deines Vertrauens oder an www.anad.de.

THIGH GAP
Bereits seit mehreren Jahren ist dieser Trend allgegenwärtig und suggeriert eine völlig falsche Definition von Attraktivität eines Körpers. Junge Frauen, die aus unterschiedlichsten Gründen unsicher mit ihrem eigenen Körper sind, lassen sich besonders von diesem Trend beeinflussen.

Die thigh gap ist eine deutlich sichtbare Lücke zwischen den Beinen von aufrechtstehenden Frauen mit geschlossener Fußstellung, die bei vielen sportbegeisterten, jungen Mädchen als erstrebenswert gilt. Denn sie ist der ultimative Beweis für ausreichendes Dünnsein. So jedenfalls das Gedankengut derjenigen, die dieses Schönheitsideal verfolgen und auf Social Media glorifizieren. Je eindrucksvoller die Lücke, desto mehr Zuspruch bekommen sie aus der Social Media Magerszene.

PROBLEM
Im Vergleich zu konventionellen Schönheitsidealen, wie beispielsweise ein flacher Bauch oder lange Haare, ist die thigh gap für viele Frauen rein physisch betrachtet ein unerreichbares Körperideal – das zu gefährlichen und extremen Hungerkuren verleitet. Einige Frauen haben „das Glück“, durch eine breite Beckenstellung mit einer natürlichen thigh gap „gesegnet“ worden zu sein. Die meisten jedoch verfolgen dieses Ideal mit einer komplett anderen anatomischen Voraussetzung, die es ohne Essstörung nicht möglich machen, Besitzerin einer solchen gap zu werden. Das Ergebnis: ein immer weiterwachsender Hungerkult im Strudel einer Magersuchts-verherrlichenden Community.

MAGERWAHN IN SOCIAL MEDIA
In kurzer Zeit hat die thigh gap die “Lineal auf den Beckenknochen”-Methode in der Magerszene abgelöst. Beweisfotos junger Frauen, die einen Stab über die Beckenknochen legen, sehen immer krank aus und werden genau dafür im Netz gefeiert. Die thigh gap lässt sich dagegen in vielen attraktiven Situationen ablichten und wird deshalb auch oftmals subtil durch Fotos von Instagram-Vorbildern wie Blogger, Influencer oder Models wahrgenommen. Selbst Fitnessblogger erstellen Workouts für das verherrlichte Internetphänomen. Sucht man jedoch gezielt nach dem Hashtag #thighgap, so wird einem spätestens nach der darauffolgenden Triggerwarnung klar, wie gefährlich der Trend wirklich ist. Zu finden sind mehrere hunderttausend Beiträge, die das Ideal mit Bildunterschriften wie „[…] I still can not get over the thigh gap!! […] I just can’t get enough of this gap!! It’s the same feeling of collar bones and hips!“ idealisieren. Die Mager-Community antwortet auf solche Posts beispielsweise so: „Totally get you! I keep touching my collar bone! Keep up the good work!“. Das Netz wird mit diesen Lücken-Fotos und motivierenden Kommentaren überschwemmt. Die Motive variieren von typischen Selfies, mit denen sich die Mädchen möglichst attraktiv zeigen wollen, bis hin zu reinen Anatomiefotos, bei denen vom Körper nichts anderes zu sehen ist, als zwei blasse, traurige Oberschenkel und eine Lücke dazwischen.

MAGERSUCHTKULT X THIGH GAP IDEAL
Die Magerszene in Instagram ist breit gefächert. Mit nur ein paar Klicks gelangt man auf Profile, die bereits im Usernamen Wörter wie „thinspo“, „skinny“ oder „thinspiration“ verwenden. Deren Feed besteht zum Großteil aus Fotos von alarmierend dünnen Frauen, die als Inspiration und Motivation dienen sollen. Der kleinere Teil der Uploads umfasst Bilder, die einen Körperbereich des Users selbst zeigen und vollkommen realitätsfern als „zu fett“ oder „hässlich“ beschrieben werden. Selbstdiffamierung und Selbsthass werden zum festen Bestandteil der Tagesordnung. Motivierende Kommentare zum Weiterfasten bilden das Feedback dazu.

Vor allem die hashtags #ana und #mia signalisieren, wie groß die Szene wirklich ist: Unter den beiden Tags, die die Krankheiten Anorexia und Bulimia verniedlichen, erscheinen 20 Mio. Beiträge. Die meisten davon thematisieren auch die so sehr vergötterte thigh gap. Eigentlich ist dieses Ideal in einem Konstrukt von Magerkult und Krankheit gefangen – vielmehr Warnsignal als erstrebenswertes Ziel.

GEGENSTIMMEN
Im unendlichen Strom der Fotos von Mager-Schenkeln fallen auch Warnungen auf. Franzidevil postet etwa: “Scheiß auf diese gottverdammte thigh gap. Scheiß auf Knochen sehen als Schönheitsideal. Man kann mir im Leben nicht sagen, dass es gesund ist, sich so runter zu hungern.” Und auch 2fab4um8 schreibt: “Wenn du denkst, dass abstehende Schlüsselbeinknochen und thigh gap schön sind, dann liegst du einfach falsch.” Doch meist stößt man auf die bekannten Slogans der Magersucht-Bewegung, wie etwa “Beim nächsten Mal überleg dir, ob du Pizza oder schöne Beine haben willst” oder – noch extremer – “Ich liebe es, wenn die Leute hinter mir flüstern: ‘Mein Gott, wie dünn ist sie bloß geworden.'”

Inzwischen versuchen auch viele Influencer, diesem Trend entgegenzusteuern. Sie posten mit der Unterschrift „For more reality on instagram“ zwei Fotos, auf welchen sie darstellen, wie viele thigh gaps einzig und allein durch eine geschickte Pose mit passendem Licht entstehen und wie ihr Körper tatsächlich ohne anstrengende Pose geformt ist.

BODYSHAMING
Doch junge Mädchen sehen nur die perfekten Fotos von perfekten Models. In Foren verzweifeln Teenager, weil sich die gap trotz eisernen Fastens nicht einstellen will. Der Rat der Mager-Community: Noch eiserner Fasten. Noch mehr Sport machen. Noch weniger Leben.

Und wie bei jedem Schönheitsideal werden alle abgestraft, die es verfehlen. Frauen, deren Oberschenkel sich berühren, werden als bemitleidenswerte Geschöpfe, deren Jeans beim Laufen aneinander reiben, betitelt. Schlanke Mädchen, die ihre Reise zur gewünschten thigh gap online dokumentieren, werden dazu angehalten, dass sie noch extremer hungern sollen. Und Frauen, die sich gegen das Schönheitsideal im Allgemeinen aussprechen, werden diffamiert. Prominentestes Opfer der „tigh-gap-Meute“ ist Model Robyn Lawley. Wegen ihres Cover-Fotos auf der “Vogue Italia” wurde sie als “fettes Schwein” beschimpft, weil sich ihre Oberschenkel berührten. Das Plus-Size Model wurde auf ihrer eigenen Facebook-Seite diffamiert. Durch diesen Vorfall kam die „BodyPositivity“-Bewegung ins Rollen und wird tagtäglich über viele Kanäle verbreitet, um der Idealisierung von gefährlichen Krankheiten und Schönheitsidealen entgegenzuwirken.

BODY POSITIVITY
Diese Bewegung hat viele Facetten: Sie äußert sich in Form von Texten auf Bloggerkanälen, Fotos mit passenden Beschreibungen oder Live-Videos von Influencern, in welchen sie an ihre Follower zu einem gesunden Selbstbild appellieren. Egal ob breite Hüften, kräftige Oberschenkel, Cellulite oder kleine Brüste, es ist genau richtig, wie du bist – so der Input an die Community. Immer mehr Menschen trauen sich, dieser Bewegung zu folgen und ihren Körper als Gesamtes zu akzeptieren und zu lieben, anstatt sich für vereinzelte Merkmale, die eventuell vom klassischen Schönheitsideal abweichen, zu verstecken. Jeder Körper ist auf seine Art und Weise schön. Man muss es nur erkennen und anfangen, sich darin wohlzufühlen. Und dafür braucht es keine Lücke zwischen den Oberschenkeln. Diese Meinung teilen viele –inzwischen sind rund 20 Mio. Beiträge auf Instagram mit Bodypositivity-Hashtags versehen. Findet der Magerwahn auf Social Media bald ein Ende?

MESSAGE
Es klingt kontrovers, Dinge zu idealisieren, die Bestandteil einer psychischen Krankheit mit der höchsten Mortalitätsrate sind. Möchte man krank sein? Möchte man sich zu Personen einreihen, die aufgrund ihrer Magersucht dem Tod täglich ins Gesicht blicken müssen? Krankheiten sind sicher keine bewusste Entscheidung. Schönheitsidealen nachzueifern, die ebenso von suchtkranken, essgestörten Personen angestrebt werden, schon. Die Abwärtsspirale in die Tiefen der Magersucht beginnt schleichend und dennoch stetig. Und der Einstieg in gestörtes Essverhalten passiert nicht selten über Schönheitsideale wie thigh gap oder sichtbare Schlüsselbeine.

Vor allem auch durch die Size-Zero-geprägte Modewelt und deren Models, die äußerlich oftmals nicht mehr als wandelnde Kleiderbügel sind, werden falsche Schönheitsideale vermittelt. Wie schlecht es den meisten Models damit geht, wird auf dem Instagramkanal „shitmodelmgmt“ deutlich. Schockierende Einblicke in eine sonst so mysteriöse und vermeintlich glamouröse Welt – nur wenige Minuten auf dem Profil „shitmodelmgmt“ zeigen die trostlose Realität des Modeldaseins: Essstörungen, Leistungsdruck, Einsamkeit, Depressionen, sexuelle Belästigungen – die täglichen Begleiter einer Laufstegschönheit.

Zeit, Abstand von Size Zero zu nehmen. Dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Dem Beruf des Modelns Lebensqualität zurückzugeben. Und jungen Mädchen und Frauen keine falschen und nicht erstrebenswerten Schönheitsideale mehr zu implizieren.

Spread Body Positivity and a healthy mindset.