Müde und enttäuscht trat Anna den Heimweg an. Lange hatte sie sich auf diesen Abend gefreut, denn sie erhielt eine Einladung zu einer Hausparty einer Freundin. Anna liebte es, auf Partys neue Menschen kennenzulernen. Insgeheim hoffte sie auch, nach drei Jahren Single-Dasein, einem gutaussehenden Mann über den Weg zu laufen, der ihr endlich mal gefiel. Aber leider entpuppte sich die „Party“ eher als Mädels-Abend – langweilige Themen inklusive. Daher erfand sie kurzerhand eine Ausrede, um früher nach Hause gehen zu können.

Voller Gedanken, was sie am Wochenende noch alles erledigen musste, hatte sie nicht bemerkt, dass eine Gruppe Feierwütiger vor ihr lief. Plötzlich jedoch erkannte Anna einen Freund und rief „Hey Ben, ich bin‘s.“ Bens Gesicht erhellte sich und er fiel ihr kurzerhand voller Freunde in die Arme: „Was machst du hier? Wir sind auf dem Weg in einen Club. Kommst du mit?“ Die angetrunkene, gute Laune von Ben beschwingte Anna und kurzerhand entschied sie sich, ihre Pläne für das Wochenende über den Haufen zu werfen und sich der Gruppe anzuschließen. Ben stellte seiner Runde Anna vor, doch plötzlich setzte ihr Gehirn aus, ihr wurde gleichzeitig kalt sowie warm, ihr Herz klopfte wie wild, sie war fasziniert von dem Mann, der vor ihr stand. Anna wusste genau, was in diesem Moment mit ihr geschah. Sie nannte diesen einen Augenblick ihren „Boom-Moment“. Sie glaubte nicht an die Liebe auf den ersten Blick, denn Liebe entwickelt sich ihrer Meinung nach mit der Zeit. Aber während ihrem Boom-Moment wusste Anna, dass sie sich direkt zu diesem einen Mann aus der Runde hingezogen fühlt. Er stellte sich als Simon vor und wollte wissen, wer sie war. Mit verlegener Stimme stellte sie sich als Anna vor. Seit dieser Sekunde gab es in dieser Nacht kaum einen Moment, an dem sie nicht gemeinsam gefeiert, geredet oder gelacht hatten. Als frühmorgens plötzlich das Licht im Club anging, waren sie ganz überrascht, dass die Nacht schon vorbei war. Am Ausgang erblickte Anna ihre Mitfahrgelegenheit, die sie sich im Vorfeld organisiert hatte. Sie kramte ein altes Kaugummipapier aus ihrer Handtasche und fragte einen Türsteher nach einem Kugelschreiber. Kurzerhand lief sie zu Simon, gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange und drückte ihm währenddessen ein Zettel mit einer Nachricht in die Hand: „Meine Handynummer – Vergiss mich nicht.“

Am nächsten Morgen war Anna natürlich verkatert, aber der Kater trat in den Hintergrund, als sie an die Nacht und insbesondere an Simon dachte. Sie fragte sich, ob er sich melden würde oder ob es bei einer einmaligen Nacht im Club bleiben sollte. Und tatsächlich ploppte im Laufe des Tages eine Nachricht von einer fremden Nummer auf: „Um 18:00 Uhr am Brunnen am Rathausplatz. Ich freu mich!“ Einen Freudenschrei später war sie überwältigt von ihren Gefühlen, denn sie wusste genau, von wem die Nachricht kam. Anna traf am vereinbarten Treffpunkt ein und erblickte voller Freude Simon, der sie mit einem strahlenden Lächeln plus einer herzlichen Umarmung begrüßte. Im ersten Moment waren sich beide sehr verlegen, aber als die ersten Worte ausgesprochen waren, gab es kein Halten mehr. Simon und Anna unterhielten sich über Gott und die Welt wobei sie immer wieder neue Themen fanden, um das Gespräch am Laufen zu halten. Es stellte sich heraus, dass Simon nur zu Besuch bei seinem Freund Ben sei und morgen früh wieder in seine 100 km entfernte Heimat fuhr. Sie versprachen sich, trotzdem in Kontakt zu bleiben und planten bereits das nächste Treffen. Es blieb nicht nur bei einem Treffen, denn sie verabredeten sich so oft sie konnten. Die beiden unternahmen viel und genossen die Zweisamkeit. Anna musste sich eingestehen, dass es nicht mehr nur diese gewisse Anziehung war, sondern, dass sie sich Halsüberkopf in Simon verliebt hatte. Sie war überwältigt von ihren Gefühlen, da sie nicht daran geglaubt hatte, sich nochmals so sehr in einen Mann verlieben zu können.

Bei einem Spaziergang mit Simon sprach Anna darüber, wie sehr sie die Zeit mit ihm genoss und sie sich in ihn verliebt hatte. Abrupt blieb Simon stehen, schaute ihr tief in die Augen, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie zärtlich. Weitere Worte waren nicht nötig, um sich einzugestehen, dass dies der Beginn ihrer Liebe war.

Anna realisierte schnell, dass sie mitten in einer Fernbeziehung steckte. Eine Beziehung mit einer Person, die man liebt, aber nicht in unmittelbarer Nähe wohnt, sodass kein gemeinsamer Alltag möglich war. Dies gestaltete sich schwieriger als gedacht. Sie arbeitete viel an ihrer Bachelor Arbeit während er oftmals tagelang beruflich in ganz Deutschland unterwegs war. Teilweise hatten beide mehrere Tage nur spärlich Kontakt, und am Wochenende war auch nicht immer Zeit für ein Treffen.

Anna litt darunter. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich beide verloren, anstatt ihre Beziehung zu festigen. Immer wieder sprach sie dieses Thema an, doch irgendwann stellte Simon auf Durchzug. Sie erreichte ihn nicht mehr. Ihre Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis, sie grübelte, wie sie diese Beziehung retten könne. Schlussendlich fand sie keinen Ausweg mehr. Sie spielte mit dem Gedanken, die Beziehung zu beenden. Simon spürte, dass Anna sich immer mehr von ihm distanzierte. Er verstand das Problem nicht und argumentierte immer wieder damit, dass man in einer Beziehung auch seine Freiräume braucht und nicht Tag und Nacht in Kontakt stehen muss. Doch Anna reichte es! Die Beziehung frustrierte sie mehr als dass sie sie glücklich machte und so beendete sie sie.

Erleichterung, Stolz und eine großartige Zufriedenheit – Anna hatte ihren Bachelor in der Tasche und alle Türen standen ihr nun offen. Sie hatte zwar immer noch nicht den passenden Partner an ihrer Seite, aber sie redete sich ein, dass sie alleine auch gut zu Recht kam. Wenige Wochen später ergatterte sie einen begehrten Junior Manager Job und war voller Vorfreude. Die Arbeit forderte Anna sehr, aber sie fand schnell Gefallen daran, Verantwortung zu übernehmen und ihre Vorgesetzten waren zufrieden mit ihr. Sogar so sehr, dass sie ein Projekt für einen neuen Kunden übernehmen durfte. Sie bereitete alles für das erste Aufeinandertreffen vor, als es an ihrer Bürotür klopfte. Anna wollte gerade ihren neuen Kunden begrüßen, als ihr plötzlich vor Schreck ihr Herz in die Hose rutschte. „Simon!“ Beide starrten sich sekundenlang mit offenem Mund an.

War es Freude, Wut oder Trauer? Anna hatte ihre Gefühle nicht mehr im Griff und eine Träne floss ihre Wange herunter. Simon berührte sie sanft an der Schulter und führte sie in ihr Büro. Als sie aus der Sichtweite der anderen Kollegen waren, nahm Simon sie in die Arme. Keiner machte Anstalten, diese intime Situation aufzulösen. In seinen Armen liegend verspürte Anna eine innere Ruhe, wie sie sie seit ihrer Trennung nicht mehr hatte. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie Simon vermisste. Simon und Anna brauchten einen klaren Kopf und beschlossen, einen Spaziergang zu machen. Sie sprachen darüber, wie es ihnen in der Zeit nach der Trennung ergangen war. Simon litt sehr darunter, denn er musste sich eingestehen, dass er sich mehr hätte bemühen müssen. Ihm war nicht bewusst, dass man eine Fernbeziehung anders angehen muss, schließlich  war er seinen Freiraum als Single gewohnt. Er bat sie um eine zweite Chance. Anna war aufgewühlt und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Simon spürte das und schlug ihr vor, dass sie sich bis zum Wochenende Gedanken machen solle. Wenn sie sich für ihn entscheiden sollte, dann würde er am Samstag um 18 Uhr dort warten, wo alles angefangen hat. Die Tage verstrichen und Anna wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Sie hatte es mit der Fernbeziehung versucht, aber es hatte nicht funktioniert. Anderseits meinte Simon, dass er es falsch angegangen sei. Der Samstag kam und sie zweifelte immer noch. Anna entschloss, trotz Unsicherheit zum Brunnen am Rathausplatz zu gehen und auf ihr Herz zu hören. Kurz vor ihrem vereinbarten Treffpunkt blieb Anna stehen. Sie entdeckte Simon, wie er angespannt und voller Sorge am Brunnen stand. Ihr Herz wurde schwer wie Blei. Als Simon aufschaute und sie erblickte, rannte sie los, als würde es kein Halten mehr geben, sprang in seine Arme und er drehte sie voller Freude im Kreis, küsste sie und ließ sie nie wieder gehen!